SILVIA ANDREA (1840 in Zuoz geboren – 1935 in Castasegna gestorben)


Vor 100 Jahren galt die Bergeller Schriftstellerin Silvia Andrea als wichtige Stimme der Schweizer Literatur. Sie hatte sich insbesondere mit ihren historischen Erzählungen zur Bündner Geschichte einen Namen gemacht. Kritiker wie Publikum lobten ihr umfassendes Wissen und ihre lebendige Erzählweise. Im Lauf der Zeit aber ging ihr Werk vergessen. Nun bietet eine vierbändige Edition die Möglichkeit, Silvia Andrea neu zu entdecken.


Mit dem historischen Roman Violanta Prevosti gelang Silvia Andrea 1905 ein grosser Erfolg. Das Buch wurde mehrmals neu aufgelegt und ins Italienische übersetzt. Wie in den meisten ihrer Texte steht eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt: Die junge Violanta erlebt die Bündner Wirren nicht nur mit, sondern spielt selbst eine aktive Rolle, und mit dem Schicksal ihrer Familie ist der Untergang der Stadt Plurs von 1618 eng verwoben. Über ihr besonderes Interesse für Geschichte schreibt Silvia Andrea: «Mit Vorliebe wandte ich mich der geschichtlichen Erzählung zu. Genährt wurde diese Liebe durch Reminiszenzen aus der Kinderzeit. Das Engadin hat eine reiche Vergangenheit und an Winterabenden, wenn die Frauen des Hauses beim Spinnrad im traulichen Stübchen saßen und von vergangenen Zeiten sprachen, war ich ganz Ohr.»


Hinter dem Künstlernamen Silvia Andrea verbirgt sich Johanna Garbald-Gredig, 1840 in Zuoz geboren und aufgewachsen. Eine wissbegierige junge Frau, die die Lehrer der Höheren Töchterschule in Chur bald mit «Professor Gredig» anreden sollten und die ihrem Verlobten Agostino Garbald selbstbewusst von ihrer Ambition berichtete, Schriftstellerin zu werden. Und Agostino antwortete spassig und zugleich hintersinnig: «Mir bangt übrigens vor so einer berühmten Frau. Ich sehe schon, dass ich der Welt gegenüber meine Individualität einbüssen werde. Nach der Hochzeit werde ich für die Leute nur der Mann der Dichterin Johanna Garbald sein.» Damit sollte er rechtbehalten.


Neben historischen Stoffen stehen Frauenschicksale ihrer Zeit im Mittelpunkt von Silvia Andreas Schaffen. Diese Geschichten aber, die mit Ausnahme von Faustine in literarischen Zeitschriften erschienen, waren nur einem kleineren Publikum vertraut. So entging vielen Zeitgenossen, wie hellhörig sich Silvia Andrea mit den Anliegen der Frauenbewegung beschäftigte. In ihren Texten stehen junge Frauen im Mittelpunkt, die sich bilden, über Leben und Welt nachdenken, von ihrem dörflichen Umfeld oft jedoch nicht verstanden werden und sich deshalb zunehmend entfremdet und vereinsamt fühlen. Es sind Frauen, die ihren eigenen Weg gehen, obschon dieser mitunter schmerzhaft und ernüchternd ist – das war um 1880 alles andere als selbstverständlich.


Mit dem Bergell fühlte sich Silvia Andrea eng verbunden, hier sollte sie 75 Jahre ihres reichen und langen Lebens verbringen. Als die Autorin von der gemeinnützigen Gesellschaft den Auftrag erhielt, ein Buch über das Bergellertal zu schreiben, tat sie dies umsonst und «mit dem Herzen», wie sie selbst festhielt. Das 1901 erschienene Buch war ein eigentliches Familienunternehmen, steuerte doch der Sohn Andrea eindrückliche Landschaftsfotos bei. Dieses lebendige Zusammen von Text und Bild gefiel, achtzehn Jahre später erschien gar eine zweite aktualisierte Auflage.


Was alle ihre Texte auszeichnet, ist Silvia Andreas Witz. Dieser liegt in der präzisen Beobachtung und in ihrer Menschenkenntnis begründet wie auch in der Fähigkeit, historische Ereignisse als lebensnahe und packende Geschichten zu erzählen. Silvia Andrea zu lesen, ist deshalb auch heute ein Vergnügen!



Edition Silvia Andrea, Chronos Verlag, Zürich, 2014